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Eine Dame von fünfzig Jahren
Kinder, wie die Zeit vergeht! Jetzt ist sie fünfzig Jahre alt geworden, die Würmesia, und eigentlich im besten Mannesalter. Das würde stimmen, ginge man von der Überlegung aus, daß es sich bei ihr um einen Verein handelt und der ist immer männlichen Geschlechts. Nun sagt man aber ohne Zweifel ”die Würmesia” und das ist zweifelsfrei eine weibliche Titulierung. Außerdem könnte man sagen, handelt es sich um keinen Verein, sondern um eine Gesellschaft und selbige ist unzweifelhaft weiblich, wie der feminine Artikel einwandfrei ausweist. Also ist es vollkommen abwegig, im Zusammenhang mit den Lebensjahren der Würmesia von Mannesalter zu sprechen; es könnte allenfalls von Frauenalter die Rede sein. Und da erhebt sich eine Frage von wahrhaft fundamentaler Bedeutung: ”Welche Frau, mag sie noch so attraktiv sein, läßt gerne ihr Alter hinausposaunen oder gar, wie in unserem Falle, tausendfach gedruckt unters Volk schleudern?” Da wäre ja fürderhin jeder Winzling in der Lage, das Alter der Dame in alle Ewigkeit nachzurechnen und er könnte sogar schwarz auf weiß eines der süßesten Eitelkeit ein für allemal zerstören. Dieser Argumentation folgend müßte der Endesunterzeichnete das Alter der Dame ”Würmesia” diskret verschweigen, die Festschrift in den Ofen schmeißen und sich ob seiner schwatzhaften Indiskretion in das nächste Mauseloch verkriechen. Weil er aber die Jubilarin von Geburt an kennt, weiß er, daß sie stolz auf ihr Alter ist und trotz aller weiblichen Attribute nichts dagegen hat, anläßlich des fünfzigsten Geburtstages ihr bewegtes Vorleben offenzulegen.
Vergleicht man das Alter der Würmesia mit den ehrwürdigen Traditionsvereine wie Feuerwehren oder Schützengesellschaften, bestünde kein besonderer Anlaß, großartig zu jubilieren. Faschingsgesellschaften sind nicht mit herkömmlichen Maßstäben zu messen, ihr Leben ist allzeit infarktbedroht, gekennzeichnet von der Hektik eines Saisongeschäftes bedroht von menschlicher Eitelkeit und Unzulänglichkeit. Viele Vereine aus dem Faschingsmilieu haben Sternstunden erlebt und sind kurz darauf in die Bedeutungslosigkeit versunken oder haben gar die Bühne der närrischen Tage für immer verlassen. Die Würmesia hat bisher, wenn auch dann und wann sturmgebeutelt, alle Klippen glücklich umschifft, ist allen Anfechtungen zum Trotz auf dem Teppich geblieben und kann heute von sich ohne Übertreibung behaupten, den Münchner Fasching seit Jahren entscheidend mitzugestalten. Sie ist wohl die zweitälteste und wohl die mitgliedsstärkste Gesellschaft ihres Genres im Bannkreis der Landeshauptstadt München. Grund genug, ein wenig in der würmesischen Chronik zu blättern und besonders die Anfänge aufzuzeigen, über die selbst viele Mitglieder nur vage Vorstellungen haben, weil die Zahl derer, die sich daran erinnern können, immer kleiner wird.
Die Umstände der Geburt der Würmesia waren so bemerkenswert, daß es sich lohnt, sie der Nachwelt in den wichtigsten Details zu erhalten. Sie wuchs im Schoße ihrer Mutter, der ehrengeachteten Sportlervereinigung TSV Gräfelfing heran und erblickte schon nach der erstaunlich kurzen Zeit von etwa sechs Wochen das Licht der Welt. Bemerkenswert ist, daß sich nicht weniger als elf honorige Herren zur Vaterschaft bekannten und in den ersten Lebensjahren auch treu und brav die anfallenden Alimente zahlten. Ihre Namen seien aus gegebenen Anlaß preisgegeben. Es handelt sich um die leider schon verstorbenen Herren Dr. Hubert Reißner, Dr. Eduard Kimmerle, Hans Marxer, Georg Sauter, Walter Durst Lori Stadler und Franz Brandmayr und um die noch lebenden Gaudiburschen der ersten Tage Karl Suckfüll, Arthur Meißner, Rudi Beckh und Sigi Segl. Mit der Taufe des närrischen Sprößlings ließen sich die Eltern Zeit, weil man zunächst nicht viel Vertrauen in seine Lebensfähigkeit setzte und außerdem Mühe hatte, einen reputierlichen Namen zu finden. Erst im Frühjahr 1951 stand das zarte Geschöpf auf eigenen Beinen, erhielt den Namen ”Würmesia” und schickte sich unter den Fittichen seiner elf Väter an, das Würmtal zu erobern.
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